Freitag, August 25, 2006

EINE GUTENACHT-GESCHICHTE





Diese Geschichte ereignete sich in einem Land. Der Name des Landes ist unerheblich und wird vielleicht von jedem von euch einen anderen Namen bekommen. Der Ort in dem wir uns befinden hat keinen Namen. Eigentlich kann man gar nicht sagen, daß dieser Ort einer ist. Er besteht aus fünf recht unterschiedlichen Behausungen, die als einziges gemeinsam haben, daß sie alle etwa zur selben Zeit erbaut wurden.

Fangen wir mal mit Alfons‘ Haus an. Es ist auf den ersten Blick ein sehr nüchternes Haus. Es ist schmal und hoch. Die Fenster sind genau dort, wo Fenster zu sein pflegen, die Tür macht da keine Ausnahme. Doch bei näherem Hinsehen bemerkt man, daß dieses Haus beinahe, beinahe durchsichtig ist. Die Scheiben sind nicht durch störende Vorhänge verhangen, so daß man geradewegs in das fröhliche Innenleben des Hauses blickt. Die Räume sind nicht übertrieben groß aber geräumig. Man hat den Eindruck, die Zimmer seien noch nicht fertig eingerichtet, aber sie haben schon jetzt eine ganz eigene Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann.
Das zweite Haus, ist im Verhältnis zu den anderen eher klein. Von außen sieht es fast wie ein Hexenhäuschen aus. Die Fenster sind in unterschiedlichen Höhen angebracht, sie sind klein und haben ein Kreuz. Die Tür ist aus schwerem Holz, mit einer reichhaltigen Verzierung und einem schmiedeeisernen Griff, der sich jedem Besucher angenehm in die Hand schmiegt.

Rote Ziegel strahlen einem entgegen. Der Schornstein raucht die meiste Zeit des Jahres. Durch die immer etwas beschlagenen Fensterscheiben sieht man in einen gemütlich ausgestatteten Raum, in dem aber jeder Gegenstand eine liebevolle Eigenart hat. Die Bücher sehen alle etwas verwittert aus. Ihre Ecken haben Eselsohren und biegen sich nach außen. Die klobige Kaffeetasse, die auf dem Tisch steht, hat keinen Henkel. Das Zimmer ist zwar keineswegs aufgeräumt, doch man spürt, daß alles durchaus seinen angestammten Platz hat. In diesem Haus wohnt Elias.

Brunhild besitzt ein Häuschen, in dem nur eine Person wohnen kann. Es hat stabile Mauern, die auch der stärkste Wind nicht um blasen kann, obwohl dieser manchmal durch die bisher noch nicht vergipsten Fugen pfeift. Der Bewohnerin wird dann etwas fröstlich und sie wundert sich, warum sie die verdammten Ritzen immer noch nicht zugemacht hat. Im Haus sieht man, wenn man durch die Spalte des schweren Samtvorhangs blickt, einen Kamin in dem ein warmes Feuer lodert. Alles andere liegt erstmal im Schatn. Man ahnt, daß in diesem Haus ein stilles aber sehr bestimmtes Leben vor sich geht, das so schnell niemanden in seine Geheimnisse einweiht. Man bekommt auf jeden Fall Lust, es sich neben diesem Feuer gemütlich zu machen und
sich vorsichtig an dieses geheimnisvolle Leben heran zu tasten.

Cäsars‘ Haus ist breit angelegt. Es ist schon von Weitem zu sehen. Die Türen stehen sperrangelweit offen. Stehen sie absichtlich offen oder sind sie nur vergessen worden zu zumachen? Die verputzten Wände sind in einem angenehmen Braun gestrichen, die Fenster ziehen sich über die ganze Hausfront. Hinein schauen kann man jedoch nur, wenn man durch die üppig wuchernden Pflanzen hindurch späht. Dann fällt der Blick auf große Räume, die eigenartig aufgeteilt sind. Man sieht eng vollgestopfte Nischen, in denen kein Fingerhut mehr Platz hätte und dann wieder, große Freiflächen in denen das Licht ungehindert sein Spiel treiben kann. Obwohl die Aufteilung der Räume keinen offensichtlichen Sinn ergibt, spürt man doch, daß dies so sein muß, daß es für den Bewohner eine ganz bestimmte Zweckmäßigkeit erfüllt, die nicht durch zeitgenössischen Geschmack gestört werden darf.

Am Abend einer Vollmondnacht hörte Elias, der zufällig mal in seinem Häuschen weilte, ( er pflegte dies nicht all zu oft zu tun, weil er Geselligkeit und den Wein liebte), ein eigentümliches Kratzen und Scharren, das aus dem Garten zu kommen schien. Er dachte an Katzen oder Hunde die sich dort an irgendeinem erjagten Teil zu schaffen machten, doch dazu war das Geräusch zu regelmäßig. ELias war ein leicht zu ängstigender Mensch, deshalb ging er nicht gleich hinaus um nachzusehen, sondern wunderte sich weiter und hoffte, daß das Geräusch einfach irgendwann aufhören würde. Irgendwann hörte es auch auf. Alias war beruhigt und beschloß am Morgen nachzusehen und nach Spuren zu suchen. Er rekelte sich wohlig stöhnend unter seinem schweren Federbett und pustete die schon fast herunter gebrannte Kerze auf seinem Nachttisch Schrank aus. Ein schwerer Arbeitstag lag hinter ihm. Die Kunden waren wirklich nicht einfach zufriedenzustellen gewesen. Er hatte einen Entwurf nach dem
Anderen vorlegen müssen. Nichts schien zu gefallen. Die restliche Arbeit war liegengeblieben und mußte dann nach dem die schwierigen Kunden endlich gegangen waren, noch nachgeholt werden. Elias hatte also gar kein Interesse irgendeinem seltsamen Geräusch nach zu gehen. Als er die Augen schloß, erschien noch kurz das Bild seiner Herzallerliebsten und mit einem zufriedenen Lächeln auf seinem runden Gesicht, schlief er ein.

Doch Elias war nicht der einzige, der das Kratzen und Scharren gehört hatte. Brunhild hatte kurz den Kopf aus dem Fenster gehalten und mit starker, aber leicht bebender Stimme,“Wer ist da!“, gerufen. Da sie jedoch keine Antwort bekommen hatte, ihren Kopf schnell wieder herein gezogen, das Fenster fest verriegelt und den schweren Samtvorhang zugezogen. Cäsar war mit einem Stuhlbein bewaffnet hinters Haus gegangen und hatte sich kurz umgeschaut. Da das Geräusch aber verstummt war, begab er sich schnellstens wieder in seine schützenden vier Wände. Daniel hatte gar nicht gehört und fest geschlafen. Alfons war der Einzige, dem die Ursache des Geräusches keine Ruhe lies. Er wollte unbedingt herausfinden, was da so einen Lärm machte. Also schlupfte er beherzt in seine Stiefel, stampfte in seinen Garten und ging dem Geräusch nach. Irgend etwas blitzte im Mondlicht hell auf – ein Rascheln – und dann war Ruhe. Alfons ging vorsichtig zur Stelle hin. Jemand hatte versucht in dem harten sandigen Boden ein Loch zu graben. Das Loch war jedoch nicht sehr tief, es reichte gerade bis zu Alfons‘ Handgelenk. „Wer buddelt da wohl in meinem Garten ‚rum?“ Alfons suchte alles noch einmal genau ab und gerade als er umkehren wollte, entdeckte er etwas hell Blinkendes auf dem Boden. Als er es aufheben wollte, schnitt er sich beinahe in den Finger. Es war die Spitze einer Messerklinge! Alfons steckte das glänzende Stück vorsichtig und behutsam in seine Jackentasche und machte sich nachdenklich auf den Rückweg ins Haus. Fast hatte er die Tür erreicht, als er nochmals ein Geräusch hörte, diesmal jedoch klang es wie leises Wehklagen und schien aus dem angrenzenden Wald zu kommen. Da wurde es auch Alfons unheimlich und er schloß die Tür fest hinter sich zu. Am Schreibtisch untersuchte er sorgfältig seinen Fund. Es war eine eigenartige kostbare Klinge, reich verziert mit Mustern und Symbolen. Diese Messerspitze war augenscheinlich abgebrochen und sah aus, als sei sie schon alt und viel gebraucht. Die Muster waren so fein gearbeitet, daß jemand viel Mühe, Arbeit und Zeit mit der Ausführung verbracht haben mußte.

Am nächsten Morgen erzählten alle einander von den eigentümlichen Geräuschen in der Nacht. Alias war sehr beunruhigt, als er hörte, daß die anderen auch Geräusche gehört hatten. Andererseits war er froh, daß er nicht so neugierig war wie Alfons! – Wer weiß was da alles hätte passieren können ! – Brunhilde dachte sich ihren Teil. Daniel überlegte ob ihn die anderen nicht auf den Arm nähmen mit ihren Geschichten von seltsamen Geräuschen in der Nacht. Alfons mußte mehrmals beschreiben was vor sich gegangen war und zu guter Letzt, rückte er auch mit der Klinge heraus. Elias blieb fast das Herz stehen!
Nun gab es kein Halten mehr: Handelte es sich etwa um eine Tatwaffe? War ein Verbrechen geschehen? Hatte jemand versucht eine Leiche in einem ihrer Gärten zu vergraben und war immer wieder bei seiner Arbeit gestört worden?
In Wirklichkeit war alles ganz anders . Allerdings war Feodora die einzige die das auch wußte. Feodora war eine kleine, eher unscheinbare Waldhexe. Sie stand kurz vor ihrer ersten großen Prüfung. Ihr ganzes zukünftiges Hexendasein hing von dieser Prüfung ab. Im Augenblick war Feodora sehr betrübt und sehr besorgt und hegte große Zweifel ob sie überhaupt eine richtige Waldhexe mit allem Drum und Dran werden könnte. Sie rieb sich in einem fort ihr langes Kinn und seufzte dazu in allen Tonlagen. Sie hatte wirklich die schwerste aller schweren Prüfungsaufgaben bekommen. Feodora kuschelte sich noch tiefer in das große Loch ihres Lieblingsbaumes und grübelte noch weiter, während dem sie ein kostbar ziselierten Messergriff mit abgebrochener Klinge hin- und her wendete. So ein Ärgernis! Wie hatte das nur geschehen können? Und was sollte sie nun tun? Ohne Messerspitze und ohne Zauberkräfte? Das Eine hatte sie verloren, und das andere durfte sie während ihrer Prüfung nicht gebrauche. Und außerdem waren ihre Schnürsenkel wieder miteinander verbunden... das konnte doch nur Ebersholm gewesen sein. ! „Ach, Ebersholm, laß das doch! Ich habe jetzt keine Zeit für deine albernen Spielereien! ", rief sie verärgert. Ebersholm grinste vergnügt über beide Ohren. Er war ein noch sehr junger Waldgeist, gerade mal eben 200 Jahre alt und hatte noch nie in seinem Waldgeistleben irgendeine schwierige Aufgabe zu lösen gehabt. „Na komm Feodora, du willst doch nicht den ganzen Tag in deinem langweiligen Baum hocken und trüben Gedanken nachhängen.“ In diesem Augenblick schüttelte sich der Baum und warf mit vielfältigem Plop, Plop, Plop, schöne große Kastanien ab. Eine von Ihnen traf Ebersholm und warf ihn von seinen kurzen Beinen. „Ja ja, ist ja gut, ich hab’s ja nicht so gemeint!“, rief Ebersholm sich aufrappelnd. „Ich wollte doch nur Feodora aufmuntern.“ Eigentlich wollte Ebersholm Feodora noch vorschlagen die Wiesenfeen zu ärgern und ihre Blumenkelche zu schließen, doch er lies es dann doch lieber.
„Ebersholm, du wirst dich noch in große Schwierigkeiten bringen, wenn du nicht lernst auf dein loses Mundwerk zu achten“, schimpfte Feodora. “Außerdem habe ich große Sorgen: Ich muß nicht nur meine erste große Prüfung bestehen, nein, auch das Leben aller Feen dieses Waldes steht auf dem Spiel. „Traurig blickte sie auf den Messergriff in ihrer Hand. „Du weißt doch was mir in der Nacht passiert ist, ich kann froh sein, das dieser Mensch mich nicht gefangen hat.“ „Aber die Menschen sind doch viel zu langsam um eine flinke Waldhexe wie dich fangen zu können. „,bemerkte Ebersholm, lässig auf einem Zweiglein wippend und mit den Beinen baumelnd. “Du vergißt, lieber Ebersholm, daß ich vorläufig keine Zauberkräfte mehr gebrauchen kann, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe. Im Augenblick könnte mich sogar ein kleines Menschenkind einholen. Und außerdem habe ich die Klinge meines Messers verloren. „Bei den letzten Worten kullerte eine Träne über ihre blasse Wange. „Wein doch bitte nicht Feodora, mich juckt's dann immer am ganzen Körper und ich weiß gar nicht was ich machen soll!“, sagte Ebersholm, sich am ganzen Körper kratzend. Er verrenkte sich dabei so possierlich, daß Feodora dann doch lächeln mußte. Sie kam aus ihrem Baum heraus und setzte sich auf den Waldboden. „Nun, hör schon auf dich zu kratzen und hilf mir lieber zu überlegen wie ich meine Messerklinge wiederbekommen kann. „ Ebersholm war so froh, daß Feodora nun doch aus ihrem Baum herausgekommen war und für den Augenblick nicht mehr weinte, daß er versuchte ein angestrengtes, nachdenkliches Gesicht zu machen. „Ich weiß," rief er gleich darauf aufgeregt, „du gehst einfach zum „Großen Schmied“ und läßt dir ein neues Messer machen.“ Ebersholm strahlte und hüpfte was das Zeug hielt. „ Es würde viel zu lange dauern, außerdem gäbe es nicht noch einmal ein Messer mit den gleichen Zaubereigenschaften“, antwortete Feodora
betrübt. „Dann fällt mir auch nichts mehr ein“, sagte Ebersholm, doch ein Blick in Feodoras‘ Augen zwang ihn sich noch einmal anzustrengen. „Geh doch einfach hin und frag ob du die Klinge nicht wieder haben kannst!“, schlug er jetzt vor und wollte sich nun doch bald aus dem Staube machen, denn ernsthafte Schwierigkeiten waren nun mal nicht seine Angelegenheit. „Warte doch Ebersholm vielleicht kannst du mir helfen. Natürlich kann ich nicht einfach hingehen und um die Messerklinge bitten aber vielleicht könnte ich sie mit deiner Hilfe zurückholen.


(Fortsetzung folgt!)

Die Ausreißerin (für Christiane)

Es war einmal eine Kuh. Die war ganz schlau. Eigentlich war sie für eine Kuh viel zu schlau. Sie verstand von der Welt zum Teil, mehr als die Menschen.
Des Winters stand sie im Stall, wie alle ordentlichen Kühe. Sie hatte Glück, weil sie einen besonders netten Bauern hatte. Der sorgte dafür, daß sie im Winter regelmäßig gestriegelt und der Stall oft ausgemistet wurde. Doch trotz der guten Fürsorge, war ihr der Winter immer viel zu lang. Sie stand dann in ihrem Stall, und träumte mit sehnsüchtigen braunen Augen, von einer fetten Sommerweide. Sie sah die verschiedenen Pflanzen deutlich vor sich. Die Blumen, die sich im lauen Sommerwinde bewegten. Sie spürte die Sonne auf ihrem schwarz-weiß- gefleckten Rücken niederbrennen.
Sie stampfte mit der rechten Hinterhufe auf, weil sie merkte, dass sie tag träumte und sich ärgerte, dass ihre Vision keine Wirklichkeit war. Doch nach sieben langen Monaten, öffnete der Bauer die Stalltüren ganz weit und sie und ihre Freundinnen wussten: Jetzt! Jetzt ist es soweit! Im Kuhstall erhob sich ein Tumult. Eine nach der anderen wurde aus ihrer Box geführt. Sie muhten sich gegenseitig ihre Begeisterung zu. Und dann war es auch für Isabella soweit. Sie verließ den dunklen Stall und stand in der Sonne. Sie hielt einen Moment inne und nahm alles auf. Dann stürzte sie los, schmiss die Beine in die Luft, machte Bocksprünge und galoppierte drauf los. Sie lief und lief, hörte hinter sich die aufgeregten Rufe des Bauern und seines Sohnes, doch nichts konnte sie mehr aufhalten. Davon hatte sie so lange geträumt. Das sie auf einen Zaun zu rannte, hatte sie in ihrer Begeisterung nicht gemerkt. Glücklicherweise war es kein Stacheldrahtzaun, denn sie rannte den Zaun einfach um. Auch dann hielt sie nicht inne, sondern rannte weiter durch das knietiefe Gras. Der Bauernhof war schon nicht mehr zu sehen. Am Waldrand angekommen, lief sie langsamer. Bäume in Mengen waren ihr etwas unheimlich.
Überhaupt kehrten jetzt ihre bovinen Instinkte langsam wieder und sie nahm Einzelheiten der Weide auf der sie stand, wieder wahr. Da auch der Bauer scheinbar keine Anstalten gemacht hatte, sie wieder ein zu fangen, fühlte sie sich auf einmal einsam und ein wenig ängstlich. Wie alle Wesen, die eine Zeitlang eingesperrt waren, musste sie sich erstmal an all den Raum um sie herum gewöhnen.
Sie senkte ihren Kopf und begann zu grasen, was sie beruhigte. Vertieft in den abwechslungsreichen Nuancen und Geschmacksvarianten des Grüns unter ihr, nahm sie den Fuchs erst wahr als er wenige Meter vor ihren Kopf stand.
Er saß auf seinen Hinterläufen, sein buschiger Schwanz hinter sich ausgebreitet und legte den Kopf schief.
"He Kuh!", rief er sie an. "Du solltest hier nicht alleine 'rum laufen. Man weiß nie was einer Einzelkuh so alles passieren kann in Waldesnähe. Was macht du hier überhaupt?"
Die Kuh,. die einmal Isabella getauft worden war, hob überrascht den Kopf und machte einen etwas unbeholfenen Hüpfer zur Seite. Isabella fing sich wieder als sie bemerkte, das der Fuchs keine Anstalten machte näher zu kommen und schaute ihn von Kiefer zu Kiefer malmend ,nachdenklich an.
"Das ist eine gute Frage, Fuchs", antwortete sie schließlich. "Ich habe keine Zeit gehabt darüber nasch zu denken, weißt du. Ich bin einfach gelaufen und gelaufen, bis ich hier her kam. Im Augenblick genügt es mir einfach hier zu sein. Das Gras ist gut und saftig und ich rieche keine Gefahr."
"Das mag ja sein, doch du gehörst doch in eine Herde zu den anderen Kühen, mit der Wachkuh, die aufpasst, dass euch anderen nichts passiert. Ich habe noch nie eine Kuh alleine gesehen. Das kann nicht gut sein!"
Isabella hätte jetzt, wäre sie ein Mensch gewesen, mit den Schultern gezuckt. Da ihr diese Geste nicht zur Verfügung stand, senkte sie einfach den Kopf und graste weiter, den Fuchs somit ignorierend. Dieser macht nach einer Weile ein Geräusch das sich wie "Pühhh" anhörte und trabte weiter in die andere Richtung. Er kam sich sehr schlau vor, weil er wusste wie sich Kühe eigentlich zu benehmen hatten.
Isabella war inzwischen satt und legte sich zum Wiederkäuen hin. Sie roch die würzige Luft, sah die weißen Wolken am Horizont in einem Meer von blau und fühlte sich rundherum wohl, während die warme Frühlingssonne ihr das Fell wärmte. Genau davon hatte sie solange geträumt. sie schloss die Augen und schnaubt vor Wohlbehagen.
Ein nervöses Geraschel wenige Meter von ihr entfernt, ließ sie in die Richtung schauen.
"Ich hatte hier doch irgendwo noch etwas versteckt, wo habe ich es bloß wieder gelassen?", vernahm sie eine dünne Stimme. Dann erhob sich ein kleiner Kopf mit einer spitzen Schnauze aus dem alten Laub. Der Marder erstarrte und blickte sie fragend an.
"du bist doch eine Kuh, oder nicht?", fragte er.
"Ja, warum?"
Weil Kühe, erstens, sonst nie alleine sind und zweitens, nicht so nah am Wald und drittens, abends gemolken werden. Und es ist jetzt abends, das weiß ich genau, weil ich jetzt langsam Hunger bekomme."
"So!", sagte Isabella nur und schloss wieder die Augen, um sich dem Wiederkäuen zu widmen.
"Ach, nichts ist mehr wie es sein sollte!", bemerkte der Marder, sich raschelnd entfernend. Obwohl sich Isabella dem Marder gegenüber so gleichgültig gezeigt hatte, kamen ihr jetzt doch leise Zweifel. Da sie noch eine sehr junge Kuh war und noch nie gekalbt hatte, war das mit dem melken nicht wichtig. Doch jetzt wo es langsam dämmerte, erinnerte sie sich an Geschichten über die Dunkelheit, die ihre Urgroßmutter erzählt hatte und sie schauderte. Gleichzeitig fiel ihr auch eine Unterhaltung zweier Katzen ein, die sie überhört hatte. Die eine Katze hatte der Jüngeren beschrieben, wie wichtig es sei immer in Deckung zu bleiben und dass ein Wald mit gutem Unterholz die beste Deckung überhaupt biete.
Nachdenklich überlegte sie, ob das wohl auch für sie gelten könne. Sie sammelte ihre vier Beine unter sich zusammen und stand auf. Noch unsicher, ob sie das Richtige tat, näherte sie sich vorsichtig dem Wald. Hinter sich hörte sie auf einmal ein seltsames Klappern. Erschrocken drehte sie ihren Kopf und sah einen Storch auf der Wiese stehen.
"Nanu, wenn dat keene Koh is, freß ik en dribenigen Poch!", rief der Storch lauthals. "Die Gegend wird mir langsam unheimlich, sprach er weiter. Erstens gibt es minner weniger Frösche, der Fluss fließt ganz anders als er soll und diese Leinen, die sie überall in der Luft gespannt haben, behindern meinen Flug. Jetzt auch noch Kühe, die alleine am Abend in den Wald gehen.
Was um alles in der Welt tust du, Kuh?"
"Ich gehe jetzt in den Wald mich verstecken, damit keiner der mir Böses will mich finden kann!"
"Ja aber, wo ist denn deine Herde?"
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, Aber es ist mir auch egal. Ich find es so schön hier und ich will auf jeden Fall nie wieder in einen Stall!" Isabella stampfte zur Bestärkung des eben Gesagten mit einem Huf auf.
"Ach so, und du meinst das geht so einfach, was? Da könnte ich ja gleich zum Bodenbrüter werden, wenn das alles so einfach ist. Du wirst schon sehen, ohne Herde geht für dich gar nichts, meine Liebe! Aber ich wird jetzt noch ein wenig nach Fröschen Ausschau halten. Mach's gut Kuh!" Sprach's und stapfte langbeinig davon.
Isabella bewegte sich weiter auf's Unterholz zu. Ob es wirklich unmöglich war, als Kuh alleine zu leben, überlegte sie. Es muss doch schon vor ihr einige gegeben haben, die es versucht hatten. Sie wünschte, sie hätte schon mal etwas davon gehört.
Der Wald umfing sie wie ein weiter Mantel. Nicht gewohnt sich im Dunkeln zu bewegen, blieb sie mehrmals stehen und starrte in die sie umgebende Nacht. Vor sich sah sie dann ein schwaches Licht glimmen. Froh darüber, stolperte sie darauf zu und blieb wenige Meter vor einer kleinen Kate stehen. Da sie Menschen bisher nur als freundlich erlebt hatte, muhte sie leise, um sich bemerkbar zu machen.
Nach einer kleinen Weile, erschien ein Mann mit einem langen weißen Bart an der Tür. Er hilt eine Laterne vor sich in die Höhe und plierte ins Dunkel.
"Wer ist da?" rief er.
"Muh," antwortete Isabella. Sie war sich sicher, er würde sie verstehen auch wenn er ihre Sprache nicht verstand.
"Oh ho! Eine wirklich seltene Besucherin!", rief er aus, als er sie im Dickicht ausgemacht hatte.
"Was kann ich für dich tun, du Schöne?"
"siehst du", dachte Isabella, er hat bereits einen Teil meines Namens erraten!"
Dadurch ermutigt, ging sie ein paar Schritte auf Mann und Haus zu.
" Na, dann komm man erstmal rein, meine Schöne, du fürchtest dich wohl alleine da draußen im Dunkeln , was?"
"Muh!", wiederholte Isabella zur Bestätigung.
"Meine Hütte ist zwar klein und Gesellschaft bin ich nicht gewohnt, doch für eine Nacht wird es wohl gehen. Komm nur!"
Er ging zurück ins Haus und Isabella folgte ihm. Er stellte die Laterne auf eine Anrichte und wandte sich ihr zu. Isabella war nicht ganz wohl in ihrem Fell. Zu sehr erinnerte sie die enge Behausung des Menschen an ihren Stall. Doch sie bahnte sich vorsichtig einen Weg durch Tisch und Stühle und ließ sich langsam vor dem warmen Kaminfeuer nieder.
"Ganz recht meine Schöne. Wärm nur deine Knochen. Die Frühlingsnächte sind zum Teil noch empfindlich kühl. Nun schau mir in die Augen und ich werde sehen was ich für dich tun kann. Denn niemand kommt wirklich zufällig zu mir. Die meisten, die zu mir kommen, haben allerdings in der Regel nur zwei Beine", sagte er kichernd. "Aber warum sollte nicht auch mal ein Vierbeiner meiner Hilfe bedürfen?", schloss er, die Schultern zuckend.
Damit ließ er sich vor Isabellas großen Kopf nieder und blickte ihr intensiv in ihre großen braunen Augen. Isabella nicht wusste was er da tat, schaute sie ihnen einfach weiter an.
"Ah ha", murmelte der alte Mann." Ich sehe, du warst mit deinem alten Leben unzufrieden und suchst nach deiner Bestimmung. Wir werden sehen."
Damit stand er auf und kramte in einer großen Schublade. "Na, wo sind sie denn nun schon wieder, ich weiß genau, dass ich sie hier hingelegt hatte, nach dem letzten Mal." Währenddem er weiter suchte, warf er den Inhalt rechts und links aus der Schublade.
"Ach, da sind sie ja! Wusst' ich's doch", rief er triumphierend und hielt ein Stapel Karten in der Hand. Lächelnd setzte er sich vor Isabella und begann die Karten zu mischen. Isabella sah seltsame Bilder auf den Karten und wenn sie auch eine schlaue Kuh war, hatte sie keine Idee was diese Bilder wohl darstellen sollten. Der Mann lege vorsichtig eine Karte nach der anderen in einer bestimmten Reihenfolge auf den Boden.
Da war ein Bild mit einem Mann der kopfüber hängte aber dabei lächelte, eine schöne Dame die scheinbar reich war, weil viel Gold und Juwelen zu ihren Füßen lagen und ein Reiter der unter stürmischen Wolken dahin galoppierte. Der bärtige Mann stützte sein Kinn in der Hand und murmelte Unverständliches. Als er hoch blickte und Isabella anschaute, bemerkte er bekümmert; "Also, wich muss sagen, für einen Vierbeiner die Karten zu legen, ist doch etwas schwieriger als ich gedacht hatte. Bei einem Menschen würde ich sagen, du musst den Beruf wechseln, dein Ungestüm etwas zügeln und dann gäbe es die Möglichkeit, dass dir viel Freude an irdischen Dingen winkte. Gingest du aber zurück," und damit zeigte er auf eine Karte, die Isabella bisher nicht bemerkt hatte, "wäre dir der Tod sicher."
Isabella blickte verwirrt und erschrocken auf die letzte Karte. Dort sah sie ein Gerippe auf einem Pferd. Sie stand so schnell auf, wie es einer Kuh möglich ist, nahm sozusagen die Beine in die Hand und stürmte aus der Hütte.

Die wackelige Tür machte ihr dabei keine Schwierigkeiten, die rammte sie nur einmal mit ihrem imposanten Kopf und schon hetzte sie nach draußen.
Der Mann folgte ihr bis zur Tür und schrie ihr nach, "Aber, so warte doch! Ich bin doch noch gar nicht am Ende. Du hast nicht verstanden!"
Doch Isabella meinte genug verstanden zu haben. Sie brach durch die Dornen und lief in wilder Panik durch's Gestrüpp. Leider hatte sie den Weg direkt ins letzte bisschen verbliebenem Moor genommen. Ihre Hufe sanken immer tiefer in den Morast. Panisch versuchte sie umzukehren. Sie schaffte es mit ihren Vorderläufen festen Boden zu erreichen. Doch eines ihrer Hinterläufe hatte sich unter einem modrigen Ast verfangen. Sie zog und zog, drehte und wand sich, muhte verzweifelt und...schaffte es, alle vier Hufe aus dem Morast zu ziehen. Nach wenigen Schritten konnte sie jedoch nicht mehr weiter. Der Hinterlauf der sich verfangen hatte, schmerzte furchtbar. Sie humpelte noch ein paar Schritte, blieb stehen und legte sich erschöpft und vor Schmerzen bebend hin.
Eine Welle der Verzweiflung überkam sie. Wäre sie doch nie aus ihrer vertrauten Umgebung ausgebrochen! Jetzt lag sie hier, verletzt, allein und im Dunkeln, ohne Schutz.
Sie versank in eine tiefe Starre und zog alle Sinne zurück. Irgendwann fiel sie in einen erschöpften Schlaf.
Durch ein leises Geraschel neben ihrem Kopf erwachte sie. Erschreckt wollte sie aufstehen, als ihr ein entsetzlicher Schmerz durch die Hinterhufe zog. Stöhnend sank sie zurück und erblickte den Fuchs.
Er sah sie aus einen schlauen Augen an und sprach: " Siehste! Ich hab's dir ja gleich gesagt, bringt nix ohne Herde. Das hast du jetzt davon.
"Oh!", stöhnte Isabella. "Es tut so furchtbar weh! Was soll ich jetzt nur machen? Ich kann nicht zum Grasen aufstehen!"
"Tja, hättest du auf mich gehört, dann wärst du jetzt in Sicherheit bei den anderen"
"Ach, was weißt du schon Fuchs," entgegnete Isabella. " Ich war gestern Nacht bei einem alten Mann, der hat mir die Karten gelegt und gesagt, wenn ich zurück ginge, wäre das mein sicherer Tod. Aber so wie die Dinge im Augenblick stehen, ist es wohl völlig egal. Sterben werde ich wohl so oder so." Isabella ließ den Kopf hängen und muhte kläglich.
"Meine Güte, wegen so 'nem kaputten Hinterlauf stirbt man do nich gleich! Ich werd dir mal so'n büschen Gras 'ranschleppen, obwohl ich weiß-die-Füchsin was anderes zu tun hab. Sollst mal sehen, in Null-komma-nix iß dein Lauf wieder so gut wie neu!" Sprach's und begann bereits mit seinem Maul Gras aus der Umgebung herauszurupfen. Er brachte maulvoll zu maulvoll herbei.
Isabella schaute ihn nur dankbar aus ihren großen braunen Augen an und fing an zu fressen. Schließlich hatte der Fuchs genug von dieser, für ihn seltsamen Betätigung, und verabschiedete sich von Isabella.
"Ja, und danke lieber Fuchs, das werde ich dir nie vergessen!", rief Isabella ihm hinterher.
Das Gras reichte, um ihren schlimmsten Hunger zu stillen und alsbald versank sie wieder in einen kummervollen Schlaf.
Als sie wieder erwachte, kitzelte sie etwas an der Nase. Sie schnaufte und hob ihren Kopf. Der Marder machte daraufhin einen großen Sprung rückwärts.
"Meine Güte, habe ich mich erschreckt. Ich dachte du wärest tot, du warst so still. Was ist denn mit dir passiert?"
Isabella erzählte ihre Geschichte.
"Also, so eine doofe Kuh habe ich ja wohl selten gesehen!", rief der Marder und lief vor ihrem Kopf hin und her. "Was hast du dir bloß dabei gedacht? Bei einem Menschen in der Hütte, das konnte ja nicht gut gehen. Ein Cousin von mir, weißt du, der hatte auch mal so ein ähnliches Erlebnis. Hier unterbrach ihn Isabella, deren Schmerzen zugenommen hatten. "Tu mir einen Gefallen und lass mich bitte in Ruhe. Ich habe Hunger und entsetzliche Schmerzen!"
"Hmmh", machte der Marder. "Weiß ja auch nicht was man da macht...Aber ich weiß, wer das wissen könnte. Bleib du nur ruhig hier liegen. Ich hol ihn. Wenn er nicht gerade wieder auf seinem Horst sitzt, müsst ich ihn noch erwischen. Und...weg war er.
Isabella fühlte sich zunehmend schwächer. Dem Marder traute sie nicht all zuviel zu. Überhaupt hatte sie von anderen, die immer alles besser wussten, langsam genug. Sie lagerte sich auf die andere Seite in dem Bemühen eine weniger schmerzhafte Stellung zu finden.
"Tsk, tsk", machte es hinter ihr . Wenn dat man nich die friehetlivende Koh von güstern iß!"
Der Storch stolzierte mit vorgerecktem Hals um sie herum.
"Tscha, de Marder heft me vertellt wie di dir gohn is. Aber ich seh bin betten Willen nich, wie ick ju helpen kann. Een Poch wär villicht dat richtige, aber op de anners Siet, bi di wohl doch nich."
Kannst du nicht Hilfe holen, Storch? In meiner Herde gibt es eine Heil-Kuh, die wüßte was zu tun wäre, sagte Isabella mit zaghafter Hoffnung in der Stimme.
"So, un wie heft ji sik dat vörstellt, dat ick er herbringen schall? Villicht will se ja ga nich mitkomm. Sünd ja nich all Köh so op reisen ut as du!
" Ich glaub schon, daß sie kommt. Meine Mutter und sie waren sehr gut befreundet. Und mutig ist sie auch. Einmal war ein Kalb krank und konnte während einer stürmischen Nacht nicht zu den anderen. Die Heil-Kuh ist die ganze Nacht bei ihm geblieben, obwohl es geblitzt und gedonnert hat!"
"Na good, ick war mien best verseuken, aber wenn se nich glieks mitkummt, kann ick ok nix for ju doon. Min Jongen hefft Hunger un ick kann hier nich den ganzen Dag hin und her flegen.", grummelte der Storch.
"Bitte versuch es Storch! Es ist meine einzige Chance!"
So breitete der Storch seine weiten Schwingen aus, klappte seine langen Beine ein und hob ab. Die Kuh schaute noch eine Weile in den Himmel, bis der Storch nicht mehr zu sehen war. Sie hoffte sehr, dass die Heil-Kuh wirklich kommen würde.
Langsam versank sie wieder in einen unruhigen Schlaf. Diesmal träumt sie.
Sie sah sich selbst, wundervoll geschmückt in einer großen Manege stehen. Auf ihr saß ein kleines Mädchen, angezogen wie eine Prinzessin, mit einem langen Cape, das ihr, Isabella; über dem Rumpf hing. Um sie herum waren viele Lichter. Sie ging stolz, mit hocherhobenem Kopf im Kreis herum. Vor ihr tauchte ein Feuerring auf, durch den sie hindurch gehen sollte. Und sie tat es ohne zu zögern. Um sie herum, brandete der Applaus von vielen Menschen.
Aus der Menge erhob sich eine krächzende Stimme: "Oh nee, ick riep mir meis de Been ut, un se slöpt jümmer blots!"
"Oh, du bist zurückgekehrt Storch und du hast sie mitgebracht!" Vor lauter Freude, wollte Isabella aufstehen und die Rang höhere Kuh begrüßen, doch sie fiel unversehens wieder zurück und stöhnte laut.
"Isabella, was hast du dir nur dabei gedacht?", sagte die Heilkuh, kopfschüttelnd. " Weißt du, deine Mutter war dir in ihrer Jugend sehr ähnlich. Sie war auch sehr abenteuerlustig und wollte immer mit dem Kopf durch die Wand. Leg dich mal auf die Seite, damit ich mir diesen Hinterlauf ansehen kann!" Sanft stupste die Heil-Kuh Isabella in den Bauch. Diese drehte sich und streckte ihren verletzten Lauf der Heil-Kuh entgegen.
"Hmpf", machte Muna. Es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Sie schnüffelte noch etwas an Isabellas Bein herum, und leckte dann die Stelle, die am meisten schmerzte.
"Du musst auf jeden Fall an einer anderen Stelle liegen. Lass mich schauen, wo hier in der Nähe das Kraut wächst, das wir brauchen. Muna, wandelte eine Weile schnuppernd in der Nähe herum, bis sie eine geeignete Stelle gefunden hatte. Dann half sie der verletzten Kuh aufzustehen und ließ sie zu der bezeichneten Stelle humpeln. Muna stand dann längere Zeit neben Isabella und rief die große Schutzgöttin der Kühe um Hilfe für Isabella an.
Isabella fühlte sich unendlich getröstet durch die Nähe der Heil-Kuh. Ihr Bein schmerzte auch wesentlich weniger, seitdem sie auf dem Heilkraut lag. Als Muna ihren Heilgesang beendet hatte, erzählte Isabella von ihren Traum.
Muna blickte sie aus weisen Augen an. "Das, was dir bestimmt ist, ist etwas sehr seltenes für eine Kuh. Ich habe noch nie von so etwas gehört. Doch in der Welt der Menschen ist sehr vieles möglich, wohl auch das. Wenn es deine Aufgabe ist in dieser Art den Menschen zu dienen, dann musst du deinem Weg folgen."
"Aber Muna, glaubst du es gibt solch einen Ort wirklich und auch, dass ich dort am richtigen Platz wäre?"
"Träume dieser Art sind sehr ernst zu nehmen, das kannst du mir glauben. Doch erst musst du all deine Kraft darauf verwenden wieder heil zu werden. Nach etwa zwei Nächten, wirst du wieder stehen können. Grase dann erst ein paar Tage, um wieder zu Kräften zu kommen und folge dann deinem Traum!"
"Woher soll ich denn wissen wohin ich gehen soll?", fragte Isabella verzweifelt.
"Lass dich von deinem Herzen leiten, es wird dich führen. Ich muss jetzt zurück zur Herde. Es gibt dort im Augenblick sehr viel für mich zu tun. Für deinen Weg wünsche ich dir alles Gute, liebe Isabella!"
"Bleib doch noch ein wenig!", rief Isabella enttäuscht.
"Das würde ich gerne, doch du bist nicht die einzige verletzte Kuh die mich braucht!", entgegnete Muna abschließend.
Zum Abschied leckte Muna noch einmal über Isabellas Schnauze und machte sich gemächlich auf den Rückweg. "Leb wohl, und danke liebe Muna", rief Isabella der Heil-Kuh nach. Sie war den Tränen nahe. Jetzt war sie wieder ganz allein und obwohl es ihr schon besser ging, spürte sie die Einsamkeit um so stärker.
Wie wir alle wissen, ist Schlaf die beste Medizin und so schlief Isabella, an ihre ungewisse Zukunft denkend, wieder ein. An den folgenden Tagen bemühte sie sich immer wieder aufzustehen und am zweiten Tag gelang ihr das auch, unter dem Einsatz ihres gesamten Willens.
Sie wanderte ziellos, erst in die eine, dann in die andere Richtung, wobei sie immer wieder Pause machen musste, um ihren Hinterlauf zu entlasten. Doch sie konnte jetzt immerhin wieder grasen und am dritten Tag humpelte sie kaum noch. Beim Wiederkäuen ging ihr immer wieder ihr Traum durch den Kopf. Sie sehnte sich sehr nach dem Glücksgefühl das sie empfunden
hatte beim Applaus des Publikums.
Eines Tages, als sie dabei war, einen neuen Weideplatz zu suchen – sie hielt sich immer am Waldesrand auf – ertönte hinter ihr ein Schuss. Erschreckt lief sie in den Wald hinein, so schnell wie sie ihre Beine tragen konnten. Nach einer Weile befand sie sich an einer ihr völlig unbekannten Stelle des Waldes. Die Schüsse waren nur noch in weiter Ferne zu hören.
Vor Erschöpfung lief sie jetzt langsamer und sah vor sich, im lichter werdenden Wald, einen freien Platz. Dort war ein großes Zelt aufgebaut. Es roch stark nach Stall und Sägespänen, doch ganz anders als der Kuhstall, stellte Isabella fest. Um das große Zelt herum waren lauter hölzerne Wagen auf Rädern. Sie waren bunt bemalt und hatten kleine Gardinen an den Fenstern. Isabella empfand den Anblick als einen der schönsten, die sie je gesehen hatte. Der Stallgeruch kam aus einer abgezäunten Ecke in der viele unterschiedliche Tiere standen: zwei Ziegen, ein Bär, ein Lama und ein Schwein. Während sie dort stand und die fremden Gerüche und Anblicke in sich aufnahm, kam ein kleines Mädchen aus einem der Holzwagen heraus.
Sie schien traurig zu sein. Sie hielt den dunkel gelockten Kopf nach unten und bemerkte Isabella erst, als sie schon fast vor ihr stand. Normalerweise wäre Isabella schon davongelaufen, doch erstens war sie furchtbar neugierig und es erinnerte sie alles so sehr an ihren Traum, dass sie stehen blieb. Das Mädchen schaute auf, hielt einen Moment überrascht inne und ging freundlich redend auf sie zu.
"Na, wer bist du denn, und woher kommst du? Du siehst ja fast aus wie..., und hier traten dem Mädchen Tränen in die Augen. Sie wischte sie weg und kraulte Isabella zwischen den Hörnern.
Isabella schnaubte vor Wonne. Das hatte noch keiner bei ihr gemacht und sie genoss die Berührung. Um sich zu revanchieren, versuchte sie die Hand des Mädchens zu lecken.
Dieses lachte und rief: " Ja, und lieb bist du auch!" Dann wurde sie wieder ernst. "Weißt du, ich hatte eine Kuh, die dir sehr ähnlich war. Sie hieß Stella und konnte wundervolle Tricks. Wir hatten zusammen eine Nummer, die die Menschen sehr mochten. Aber sie ist vor einer Woche gestorben. Meine Mutter sagt, sie war einfach alt geworden und ihre Zeit wäre gekommen. Ich vermisse sie sehr!"
Wenn Isabella auch nicht verstand, so spürte sie doch die Traurigkeit und muhte ihr sanft zu. Sie mochte das Mädchen. "Ach, wenn sie doch nur hier bleiben könnte", dachte Isabella sehnsüchtig.
Das Mädchen tätschelte Isabella nochmals den Kopf und wandte sich dann um. Sie ging in die Richtung des großen Zeltes. Isabella folgte ihr. Erst als sie in der Manege stand, bemerkte das Mädchen, dass ihr die Kuh gefolgt war.
"He, was hast du denn vor? Du musst doch hier irgendwo hingehören. Bist wohl deinem Bauern davongelaufen, was?"
Isabella legte sich hin und bedeutete mit einer schwungvollen Drehung ihres Kopfes auf ihren Rücken. Dies war ihre Chance. Sie musste dem Mädchen zeigen, was sie konnte.
Staunend, näherte sich das Mädchen und setzte sich auf Isabellas Rücken. Sie stand auf und ging ein paar Schritte im Kreis herum. Das Mädchen dachte laut nach:" Vielleicht könntest du Stellas Rolle übernehmen. Dann hätte ich wieder meine Nummer. Du müsstest natürlich noch lernen, durch den Feuerring zu laufen. Nun, ängstlich scheinst du na nicht zu sein. Wollen wir's gleich probieren?"
Isabella muhte laut. Das Mädchen sprang von ihrem Rücken und entzündete einen riesigen Feuerreif. Isabella sprang entsetzt zurück. Doch das Mädchen ging leise lockend auf sie zu. Die Kuh beruhigte sich wieder so weit, dass das Mädchen aufsteigen konnte.
"Du kannst es!", flüsterte sie ihr zu. Ich weiß dass du es kannst!"
Zögernd ging Isabella einen Schritt auf den Ring zu, doch dann wurde sie wieder von ihrer Angst eingeholt. Sie wich zurück und bockte leicht mit den Hinterbeinen.
"Nein, nein, das darfst du nicht. Komm versuch es noch einmal!"
Plötzlich standen Isabella die Bilder ihres Traumes vor Augen. Sie erinnerte sich an das Glücksgefühl und die jubelnde Menge. Sie schloss die Augen und ging schnell durch den brennenden Reifen hindurch.
"Ja!", rief das Mädchen. Du hast es geschafft!"
Hinter ihnen hörten sie Applaus. Als sie sich umdrehten, sahen sie den Clown, den Direktor und den Vater des Mädchens, am Rande der Manege stehen.
"Bravo!", riefen sie im Chor. "Julia, wo hast du denn diese Kuh her, fragte ihr Vater. Julia sprang vom Rücken des Tieres und lief zu den Erwachsenen. Sie erklärte ihnen wie sie Isabella kennen gelernt hatte. Der Direktor bestand darauf die Kuh zu behalten. Er machte den Bauern ausfindig, dem die Kuh gehörte und zahlte ihm einen guten Preis.
Inzwischen wurde Isabella für ihre erste Abendvorstellung geschmückt. Sie bekam ein wunderschönes Halsband und trug eine bestickte Decke auf ihrem Rücken. Das Mädchen hatte ihr duftendes Heu gebracht und sie stundenlang gestriegelt, bis ihr Fell glänzte. Als sie am Abend ihren ersten richtigen Auftritt vor Publikum hatte, war alles wie in ihrem Traum. Sie war so glücklich wie noch nie. Sie war sich absolut sicher, dass sie ihre Bestimmung gefunden hatte.

Montag, August 21, 2006

Die Traumfängerin

für Rebecca


In einer Zeit weit vor der unseren lebte ein kleines Mädchen.
Sie war ein Indianer-Mädchen und lebte mit ihrem Stamm im Wald. Ihr Name war Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die-Sonne-sucht. Ihre Spielkameraden nannten sie jedoch meist Sonnenblume, da ihr richtiger Name ihnen zu lang erschien. Sonnenblume war ein hübsches Mädchen. Sie hatte strahlende grau-blaue Augen und rosige Wangen.
Eigentlich war Sonnenblume ein glückliches Kind. Tagsüber zumindest, .... doch am Abend, wenn ihre Mutter sie im Tipi in ihre Felldecke einkuschelte und ihr Gute Nacht sagte, das Feuer im Zelt langsam ausging, da kamen sie..., die bösen Träume. Es waren schreckliche Träume von Ungeheuern und bösen Menschen. Häufig wachte sie nachts auf und hatte furchtbare Angst.




Ihre Mutter und ihr Vater trösteten sie dann, doch einschlafen konnte sie oft lange nicht mehr. Ihre Spielkameraden lachten sie aus. Sie hatten nie schreckliche Träume. Nur einer, der lachte gar nicht, wenn sie von ihren Träumen erzählte. Das war der kleine Einsame Wolf. Er hörte ihr mit großen, weit offenen braunen Augen zu und wurde ganz still.
Als die anderen lärmend und grölend wegliefen, blieb er bei ihr und sagte: ”Weißt du, Sonnenblume, ich kenne solche Träume. Auch ich habe Angst vor dem Einschlafen.”
Aber was können wir denn dagegen machen?”, fragte Sonnenblume. Einsamer Wolf zuckte mit den Schultern und wusste darauf keine Antwort. Als sie so dasaßen, kam die Medizinfrau vorbei und sah die beiden Kinder nachdenklich auf dem Boden vor ihren Zelten sitzen.

Sie mochte Kinder sehr gerne. Da sie aber die Medizinfrau war, durfte sie selbst keine Kinder bekommen. So verbrachte sie ihre freie Zeit gerne mit den Kindern des Stammes. Sonnenblume mochte sie besonders gern, weil sie ein hilfsbereites und wißbegieriges Mädchen war. Sonnenblume hatte ihr oft beim Kräutersammeln geholfen.
Da es ihr seltsam vorkam, die beiden dort so still sitzen zu sehen, sprach sie Sonnenblume und Einsamen Wolf an.
”Was sitzt ihr beide hier denn so schweigend herum? Warum spielt ihr nicht mit den anderen?”
Nach einer kleinen Weile erzählten ihr die beiden Kinder von ihren Träumen. Die Medizinfrau, die sich zu ihnen auf den Boden gesetzt hatte, nickte und sagte leise:
“Ja, ich weiß von diesen Dingen. Auch Erwachsene haben manchmal böse Träume.”
”Weißt du dagegen keine Medizin?” fragte Sonnenblume.
”Das ist gar nicht einfach, liebe Sonnenblume. Es gibt einen Ort, zu dem ihr gehen könnt. Er liegt bei dem Wasserfall. Dort wohnt der Geist des Träumens. Ihn müßt ihr um Hilfe bitten. Doch ob er euere Bitte gewährt,hängt von vielen Dingen ab.”
”Von welchen Dingen?”, fragte Einsamer Wolf aufgeregt.”Ich bin bereit, alles zu tun, um meine bösen Träume fortzuschicken!”

”Nun, zum einen, dürft ihr sieben Tage keinen Honig essen,” entgegnete die Medizinfrau.
”Sieben Tage keinen Honig? ,” rief Einsamer Wolf erschrocken. Den süßen Honig, den sie im Sommer von den Bienen im Wald absammelten, aß er nämlich für sein Leben gerne.
”Jawohl, und ausserdem ist eine gründliche Reinigung notwendig!”
Wiederum war Einsamer Wolf entsetzt1 Waschen war für ihn das aller Schlimmste.
Sonnenblume schienen die aufgezählten Bedingungen bisher nicht allzu schlimm. Doch als die Medizinfrau weiter sprach und sagte: “Ausserdem müßt ihr sieben Tage morgens und abends die Ziegen melken”, da war es an ihr zu protestieren.
”Sieben Tage morgens und abends?” rief sie entsetzt.
”Ja, und das ist noch nicht alles. Auf dem Weg dorthin werdet ihr allem begegnen wovor ihr Angst habt! Kehrt ihr vorher um, bevor ihr zum Traumgeist gekommen seid, wird euer Wunsch nicht gestattet werden können”, schloss die Medizinfrau.
Jetzt machten beide Kinder betrübte Gesichter. Beiden fiel ein, wovor sie schreckliche Angst hatten. Einsamer Wolf davor, einer Schlange zu begegnen oder einem richtigen Wolf. Sonnenblume fiel ihre Angst vor Spinnen und vor Feuer ein. Verzagt sagte Sonnenblume nach einer Weile:
”Ich glaube nicht, daß ich das schaffen kann!”
”Ich kann euch allerdings eine Hilfe mitgeben. Einen Talisman der bewirkt, daß alles was euch begegnet, egal wie schrecklich es euch erscheinen mag, zum Guten wendet. Doch auch dann, ist es ein großes Abenteuer, das ihr bestehen müsst.”
Sonnenblume und Einsamer Wolf sahen sich an. Einsamer Wolf litt sehr darunter, daß die anderen ihn oft einen Feigling nannten. Als er in die strahlenden Augen von Sonnenblume blickte, hatte er nur einen Wunsch: Vor ihr nicht als Angsthase dazustehen. So sprang er mit einmal auf und erklärte mit starker, aber leicht zitternder Stimme:
”Ich werde gehen! Allen großen Ängsten zu begegnen ist nicht halb so schlimm wie jede Nacht schlechte Träume zu haben!”
Sonnenblume war beeindruckt.Dadurch selbst mutig geworden, sprang sie auf und rief: ”Ich werde mit dir gehen, Einsamer Wolf. Wir können uns gegenseitig helfen. Das schaffen wir schon!”

Die Medizinfrau lachte und sagte:
”Ich freue mich, daß ihr euch entschlossen habt, eueren Ängsten mutig entgegenzutreten. Doch bevor ihr losstürmt, müßt ihr erst die anderen Aufgaben erledigen.”
”Och, muß das wirklich sein?”, fragte Einsamer Wolf murrend und mit den Füßen scharrend.
”Ja, es muß sein”, betonte die Medizinfrau. Damit beweist ihr eure Ernsthaftigkeit.”
”Also gut,” sprach Sonnenblume. “Es ist schon spät. Ich gehe schon mal die Ziegen aus dem Wald zusammentreiben, damit wir sie melken können, Einsamer Wolf.”
Der nickte und machte sich zusammen mit Sonnenblume auf den Weg. Vorher bedankten sie sich bei der Medizinfrau für ihren Rat. Als die Kinder alleine waren, fragte Sonnenblume Einsamer Wolf:
”Glaubst du wir werden es wirklich schaffen, den Traumgeist zu bitten unsere Träume zu verwandeln?”
“Na klar!”, antwortete Einsamer Wolf mit mehr Überzeugung als er eigentlich hatte.
So gingen denn sieben Tage dahin. Morgens und abends molken sie die Ziegen. Sie machten einen großen Bogen um den süßen Saft des Honigs. Das versetzte vor allem die Mutter von Einsamer Wolf in Erstaunen. Sie hatte schon Angst, daß er krank sei, stopfte ihn eines Tages ins Bett und flößte ihm bittere Medizin ein. Doch schließlich und endlich waren die sieben Tage um. Beide Kinder mußten sich nur noch gründlich waschen, was sie auch taten. Die Mutter von Einsamer Wolf war sehr überrascht, daß sie ihren Sohn nicht dazu zwingen mußte, sein wöchentliches Bad im Fluß zu nehmen.
Früh am Morgen des achten Tages, der Tau lag noch auf den Gräsern, schlichen Sonnenblume und Einsamer Wolf sich aus ihren Zelten und suchten das Zelt der Medizinfrau auf. Sie war schon wach und hatte die Kinder erwartet. Sie winkte beide zu sich ins Zelt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß Sonnenblume und Einsamer Wolf ihre Aufgaben erfüllt hatten, übergab sie ihnen feierlich ein Amulett. Sie legte es Sonnenblume um den Hals und beschwor sie, es auf keinen Fall zu verlieren. Sonnenblume sah sie ernst aus ihren blaugrauen Augen an und sagte:
”Ich verspreche, gut darauf aufzupassen!” Einsamer Wolf bekam einen Stab überreicht, der ihnen helfen sollte, den richtigen Weg zu finden. Wie von der Medizinfrau verlangt, versprach er den Stab nur zur Wegsuche zu benutzen und keinem Wesen dem sie unterwegs begegnen würden damit zu schaden.
So ausgerüstet, machten sich beide Kinder auf den Weg. Sonnenblume fröstelte leicht, als sich eine kühle Brise erhob. Sie war noch müde und dachte wehmütig an ihr warmes Fellbett zurück, das sie gerade verlassen hatte. Doch dann fiel ihr wieder der Traum der letzten Nacht ein. Sie umfaßte das Amulett an ihrem Hals, schloß für einen Moment die Augen und gab sich innerlich einen Ruck. Einsamer Wolf schien es nicht viel anders zu ergehen. Er trödelte hinter ihr her, währenddem er aufs Genaueste den krummen Stab in seinen Händen untersuchte. Dann gab auch er sich einen Ruck und schloß zu Sonnenblume auf.
”Was meinst du Sonnenblume? Glaubst du, dieser seltsame Stab kann uns im Zweifel den Weg weisen?”
”Die Medizinfrau hat gesagt, daß er es kann, und sie muß es ja wissen. Es ist schließlich ihre Arbeit, sich mit allerlei Arten von Medizin auszukennen. Ich glaube fest daran, daß ihr Zauber uns schützen wird!”
”Na gut, dann laß uns jetzt vorangehen. Wir müssen vor Anbruch der Nacht wieder zu Hause sein”, erwiderte Einsamer Wolf. Wenn jemand entdeckt, daß wir fort sind, werden sie uns suchen, und dann kommen wir nie zum Traumgeist.”
Sonnenblume nickte nur. So liefen sie dann eine Zeitlang nebeneinander her und beobachteten die Landschaft um sich herum. Da sie Indianerkinder waren, kannten sie sich im Wald gut aus. Sie wußten, welche Beeren eßbar waren und welche nicht. Sie sahen Spuren von Eichhörnchen und Stinktieren. Sie kannten auch die Stimmen der Vögel um sie herum.
Als sie gerade über eine Waldlichtung gingen, sahen sie vor sich aus dem Gebüsch einen Wolf auftauchen. Sie verharrten in ihren Fußstapfen und wagten nicht zu atmen.

Einsamer Wolf erhob langsam seinen Stab. Doch Sonnenblume hielt seine Hand fest.
”Nicht!” , flüsterte sie zitternd.” Medizinfrau hat gesagt, wir dürfen den Stab so nicht benutzen!”
Der Wolf starrte sie aus seinen grünen Augen an. Er war ein sehr ausgemergeltes Exemplar. Es war offensichtlich, daß er Hunger hatte. Seine Rippen stachen deutlich hervor, und sein Fell war stumpf. Er schlich immer näher auf sie zu. Es sah aus, als würde er jeden Moment zum Sprung ansetzen. Er fletschte die Zähne und knurrte laut.
”Du mußt mit ihm sprechen, Einsamer Wolf! Schnell es ist dein Totem-Tier. Das ist unsere einzige Chance!"
"Mit ihm sprechen?", fragte Einsamer Wolf bebend.
"Ja! Frag nicht, tue es einfach!", entgegnete Sonnenblume bestimmt.
"Also, hör mal, Wolf. Wir sehen das du Hunger hast, aber du solltest uns trotzdem nicht anspringen, weil wir etwas Wichtiges erledigen müssen."
Bevor Einsamer Wolf geendet hatte, ging eine seltsame Verwandlung in dem Wolf vor sich. Er hörte auf zu knurren, setzte sich auf seine Hinterläufe und stellte seinen Kopf schief.
"Red weiter, Einsamer Wolf!", sagte Sonnenblume
"Wir sind auf dem Weg zum Traumgeist, um ihn zu bitten, unsere schlechten Träume von uns zu nehmen."
"So, so”, sprach der Wolf.” Menschenkinder, die meine Sprache sprechen! Sehr seltsam! Trotzdem wärt ihr beide genau das was ich jetzt bräuchte um meinen knurrenden Magen zu füllen. Aber sagt erst noch, wie ihr heißt, bevor ich euch fresse!"
Einsamer Wolf konnte kaum noch atmen vor lauter Angst, doch er sagte tapfer:
"Ich bin Einsamer Wolf”, und auf Sonnenblume deutend,
"Sie heißt Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die- Sonne-sucht."
Der Wolf stutzte, schlich um Einsamer Wolf herum, beschnüffelte ihn und sprach.
"Du also gehörst zu meinem Clan, und ich darf dich nicht töten. Da das Mädchen mit dir geht, werde ich auch ihr nichts tun. Doch ich habe wirklich furchtbaren Hunger und muß bald fressen, sonst werde ich sterben.”
Sonnenblume griff in ihren Beutel, den sie vorsorglich mitgenommen hatte und bot dem Wolf von dem Dörrfleisch an, das sie als Wegzehrung mitgenommen hatte.
"Hier, Wolf. Es ist nicht viel; aber wenn du dich ein wenig damit gestärkt hast, kannst du vielleicht einen der Hasen fangen, deren Bau wir unterwegs entdeckt haben."
Der Wolf machte sich gierig über das Fleisch her. Dann setzte er sich auf die Hinterläufe und sprach:
"Ich danke euch für diese Gabe! Als Gegengeschenk gebe ich dem Jungen ein paar Haare aus meinem Schweif. Sie werden ihm die Angst vor allem, was Klauen und Zähne hat, verlieren lassen.”
Sprach's und zupfte sich einige wenige Haare aus seinem Schweif. Einsamer Wolf empfing das Büschel, und sie verabschiedeten sich voneinander. Als der Wolf seines Weges gegangen war, seufzten beide Kinder erleichtert auf. Nachdem sie sich ein wenig von dem Schrecken erholt hatten, fragte Einsamer Wolf Sonnenblume:
"Sag mal, woher wußtest du, daß ich mit ihm reden mußte?"
"Das kann ich dir nicht sagen. Ich wußte nur plötzlich, daß das der einzige Weg war uns zu retten. Vielleicht ist es ein Teil des Zaubers den Medizinfrau uns mitgegeben hat."
"Ja, das mag sein", antwortete Einsamer Wolf nachdenklich. "Auf jeden Fall habe ich noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt", sprach Einsamer Wolf. "Doch jetzt fühle ich mich auf irgendeine Art sehr viel leichter."
"Das freut mich,Einsamer Wolf. Jetzt laß uns weitergehen!"


Sie kamen an eine tiefe Schlucht.
Von einem Ende zum anderen war eine Hängebrücke gespannt. Als beide in der Mitte angekommen waren, gab die Befestigung auf der anderen Seite nach. Die Kinder klammerten sich angstvoll an ein Seil. Es hing nur noch an einem dünnen Faden und drohte jeden Augenblick zu reißen.

In diesem Augenblick entdeckte Sonnenblume eine riesige Spinne auf der anderen Seite. Sie schrie auf. "Einsamer Wolf, schau nur!", rief sie, auf die Spinne zeigend. Doch Einsamer Wolf blieb ganz ruhig. Er sagte leise zu Sonnenblume: "Du mußt der Spinne Zeichen mit deinen Fingern machen, und sie wird uns ein starkes Seil spinnen!"
"Aber, aber, sie ist so schrecklich groß!!"
"Tu es einfach!", sagte Einsamer Wolf. Sonnenblume nahm eine Hand und, obwohl sie nicht wußte was sie da tat, webte sie mit der Hand Zeichen in die Luft. Die Spinne reagierte sofort und begann ein Tau zu spinnen. Sie verknüpfte es mit dem lose herabhängenden Ende des Seils. Einsamer Wolf nahm die zitternde Sonnenblume an die Hand und führte sie das letzte Stück über die Brücke.
"Puh, fast wären wir abgestürzt," seufzte Einsamer Wolf erleichtert auf. Die Spinne hatte sich in eine Nische zurückgezogen. Sonnenblume starrte auf diese Nische und sagte stockend:
"Die Spinne, sie - sie hat uns geholfen!"
"Ja, weil du mit ihr gesprochen hast!"
"Aber ich habe doch gar nicht gesprochen. Ich habe doch nur Zeichen mit meiner Hand gemacht."
"Ja, natürlich; aber das ist genau die Sprache, die eine Spinne versteht", sagte Einsamer Wolf.
"Schau nur, da liegt etwas auf dem Boden!" Sonnenblume hob einen glitzernden Faden auf, der alle Farben des Regenbogens in sich zu haben schien. Plötzlich verstand sie, daß dies ein Geschenk der Spinne war. Als sie den Faden in die Hand nahm, spürte sie wie alle Angst vor allem, was kriecht und fliegt, von ihr abfiel. Einsamer Wolf war inzwischen weiter gegangen. Sonnenblume schloß zu ihm auf und erzählte ihm von ihrem wundersamen Erlebnis. Einsamer Wolf reagierte nicht gleich, denn er war in Gedanken vertieft. Doch dann sagte er:
"Sonnenblume, weißt du eigentlich, wie es hier weitergeht? Ich habe keine Idee mehr, in welche Richtung wir weiter müssen!"
Sonnenblume blieb stehen und sah sich um. "Nein, Einsamer Wolf, ich weiß es auch nicht. Doch wir haben ja unseren Stab. Vielleicht kann der uns jetzt helfen.”
Einsamer Wolf sah den Stab in seiner Hand an, und zu seinem Entsetzen verwandelte sich der Stab in eine Schlange. Er ließ das sich windende Etwas sofort mit einem Schrei los und sprang zurück. Die Schlange bewegte sich schnell in eine Richtung. "Schnell, folge ihr Einsamer Wolf! Sie weist uns den Weg."
"Ich laufe doch keiner Schlange hinterher. Was nur hat uns die Medizinfrau da nur mitgegeben?"
Sonnenblume ließ Einsamer Wolf stehen und folgte der Schlange.
"Komm mit Einsamer Wolf. Hier geht's lang", rief sie über die Schulter. Zögernd kam Einsamer Wolf hinterher.
Nach einer Weile kamen sie der Schlange folgend, an einen Flußlauf. Wenige Meter vor ihnen erstarrte die Schlange und wurde wieder zu dem Stab, der sie gewesen war. Ohne daß Einsamer Wolf gewußt hätte, warum, begriff er die Weisheit aller Schlangen, als er den Lauf des Flusses betrachtete. Er hob den Stab wieder auf und war wie verwandelt. Doch Sonnenblume lief voran und rief:
"Einsamer Wolf, Einsamer Wolf, ich kann den Wasserfall hören. Komm hier entlang!" Einsamer Wolf folgte ihr, und tatsächlich, auch er konnte jetzt den Wasserfall hören. Bevor sie jedoch einen weiteren Schritt tun konnten, tat sich vor ihnen eine Feuerwand auf. Sonnenblume wollte schon flüchten, doch Einsamer Wolf hielt sie auf.
“Umfasse das Amulett. Ich bin sicher, es wird uns weiterhelfen."
Das Mädchen ergriff bebend das Amulett an ihrem Hals. Sie schloß kurz die Augen und wußte, was zu tun war.
"Spring in den Fluß, Einsamer Wolf!" Bevor Einsamer Wolf noch etwas entgegnen konnte, zerrte sie an seiner Hand und riß ihn mit sich. Sie stolperten das Ufer hinunter und befanden sich bald darauf im kühlen Naß. Prustend sagte Sonnenblume: "So, und nun können wir durch die Wand hindurch gehen." Sie sagte das mit solcher Überzeugung, daß er nicht widersprechen konnte.
Gemeinsam gingen sie auf die Feuerwand zu und ¾ durch sie hindurch. Beide Kinder warfen sich dahinter schwer atmend auf den Boden.
"Oh, Sonnenblume, du bist einfach großartig! Wie bist du darauf gekommen?", fragte Einsamer Wolf, als sie wieder zu Atem gekommen waren.
"Ich weiß es nicht. Es war mir einfach klar, daß wir genau das tun mußten."






Inzwischen war der Wasserfall auch zu sehen. Die Kinder setzten sich erschöpft auf einen großen Stein, der von der Sonne beschienen wurde. Eine Zeitlang sagten beide gar nichts, sondern ließen sich von der Sonne trocknen. Beide waren tief in ihren eigenen Gedanken versunken und dachten über ihre letzten Abenteuer nach. Nach einer geraumen Zeit sagte Sonnenblume:
“Weißt du, Einsamer Wolf, ich glaube es gibt kaum noch etwas, wovor ich wirklich Angst habe."
"Genau das wollte ich auch sagen. Doch eins macht mir schon noch Sorgen. Wie sollen wir den Traumgeist herbeirufen, um ihm unsere Bitte vorzutragen?", fragte Einsamer Wolf schläfrig.
"Das weiß ich auch nicht", entgegnete Sonnenblume und schlief ein. Sobald beide die Grenze zwischen Wachen und Schlafen überschritten hatten, sahen sie hinter dem Wasser Fall einen uralten Mann mit langen weißen Haaren sitzen. Sein Gesicht war von unzähligen Falten gezeichnet. Er sprach zu ihnen: "Ich bin der Traumgeist. Was führt euch zu mir?"
Sonnenblume ergriff das Wort, obwohl ihr das Aussehen als auch die tiefe Stimme des Alten Respekt einflößte.
"Wir wollen beide von unseren bösen Träumen befreit werden!", erklärte sie.
Der Traumgeist lachte schallend.
"Du, Sonnenblume, die du eben durchs Feuer gegangen bist, daß du so fürchtest. Die von einer Spinne Hilfe bekam, die dir unglaubliche Angst machte, du fürchtest dich vor Träumen? Und du Einsamer Wolf. Bist mutig der Schlange gefolgt, statt vor ihr zu fliehen, hast mit dem hungrigen Wolf gesprochen und ihm euer beider Leben abgehandelt. Was könnt ihr noch von mir wollen? Geht nach Hause zu euren Müttern! Sie ängstigen sich schon um euch. Nehmt von dieser Reise mit, was euch geschenkt wurde, und laßt mich weiter Träume weben!"
"Wir möchten doch so gerne schöne, statt schrecklicher Träume haben!", protestierte Sonnenblume.
"Kannst du uns nicht helfen?"
"Geh nach Hause, kleines Mädchen, du wirst dort finden was du suchst!"
Unvermittelt wachten beide Kinder auf. Sie wußten nicht, ob sie geträumt hatten oder wirklich mit dem Traumgeist gesprochen hatten.
"Hast du auch eben mit dem Traumgeist gesprochen?", fragte Einsamer Wolf seine Freundin.
"Ja, das habe ich. Doch er wollte uns scheinbar nicht helfen", schloß Sonnenblume enttäuscht. " Er sagte, wir sollten nach Hause gehen, und wir würden finden was wir suchten."
"Stimmt, aber wozu sind wir dann diesen weiten gefährlichen Weg gegangen, wenn das, was wir brauchen, zu Hause ist?"
"Denk doch nach, Einsamer Wolf! Wir sind auf dem Weg hierher all unseren schlimmsten Ängsten begegnet, und wir haben jetzt keine Angst mehr!"
"Das mag ja sein, doch unsere bösen Träume haben wir wohl immer noch!"
"Nun, vielleicht... aber laß uns jetzt nach Hause gehen. Ich habe schrecklichen Hunger."

Und so machten sie sich auf den Rückweg. Sie bedankten sich im Geiste bei der Spinne und bei dem Wolf für ihre Hilfe. Gerade als die Sonne am Horizont versank, kamen sie in ihr Dorf zurück. Ihre Mütter waren überglücklich Sonnenblume und Einsamer Wolf wohlbehalten wiederzusehen. Beide erzählten ihre Geschichte bei einem reichhaltigen Mahl. Danach waren beide Kinder so erschöpft, daß sie sofort einschliefen.









Am nächsten Morgen ging Sonnenblume zu der Medizinfrau, um auch ihr von ihrer Reise zu berichten.
"Geh ein Stück mit mir!", sagte sie. "Ich muß noch ein paar Kräuter für eine bestimmte Salbe sammeln gehen."
"Ja, gern!", erwiderte Sonnenblume. Beim Kräutersammeln erzählte Sonnenblume ihre Geschichte. Währenddessen pflückte sie einige Vogelfedern aus einem Gebüsch, in dem sie hängen geblieben waren.
"Weißt du nun, was zu tun ist?", fragte die Medizinfrau als Sonnenblume geendet hatte.
"Nein", antwortete Sonnenblume. "Ich glaube, der Traumgeist hat uns nicht ernst genommen. Er wollte uns wohl nicht helfen."
“Jeder, der den Traumgeist fragt, erhält eine Antwort, die ihm weiterhilft", entgegnete die Medizinfrau. "Mit der Zeit wirst du es wissen."
"Nun gut, Medizinfrau, ich hoffe, daß das bald sein wird. Hier hast du dein Amulett zurück. Vielen Dank dafür. Es hat uns sehr geholfen."
Die Heilerin nahm das Amulett entgegen und schmunzelte. "Alles was du getan hast, hast du ohne die Hilfe des Amuletts erreicht", sprach sie. "Tief in deiner Seele, wußtest du immer genau, was zu tun war. Der Talisman diente dir nur als Sammlungspunkt."
"Wie aber soll ich ohne ihn wissen, was jetzt zu tun ist?", fragte Sonnenblume verwirrt.
"Werde ruhig und schau in dein Innerstes. Glaub mir, du wirst es wissen!"



Inzwischen waren beide wieder im Dorf angekommen. Sonnenblume verabschiedete sich von der weisen Frau und ging nachdenklich in ihr Zelt. Sie sah eine Weidenrute an der Zeltwand stehen und hatte plötzlich einen Einfall.
Sie setzte sich hin, nahm die Federn aus ihrer Umhängetasche und knüpfte das, was heute vor dir liegt, liebe ........... — Einen Traumfänger.
Damit hatte sie etwas geschaffen, was nicht nur ihr bei bösen Träumen half, sondern allen Menschen auf der ganzen Welt.

Sonntag, August 13, 2006

Der Bulle von Sneem



Es war einmal ein Jungbulle. Er war schon in die Pubertät gekommen und fühlte, das für dieses Alter typische Freiheitsverlangen. Er war ein schöner kaffeebrauner Bulle, mit einem imposanten breiten Kopf, auf dem sich Hörner sehr gut gemacht hätten, hätten sie wachsen dürfen.
Wie Rinder es so tun, fraß er gemächlich vor sich hin. Seine Kumpanen blökten zufrieden. Die Weide war groß und saftig, grün und duftend. Eigentlich hätte alles so sein können wie jeden Tag. Doch ein Gedanke fraß sich langsam in das Gehirn dieses bewußten Bullen. Er wollte gerne wissen, was auf der anderen Seite des Zaunes vor sich ging.
Während er an einem Maul voll Gras genüßlich kaute, blickte er zu seinem Freund seit Kälbertagen, einem stattlichen weißen Bullen, hin , und muhte die Botschaft:

"Ich geh mal gucken was da draußen los ist!" und die Frage: "Kommst du mit"?,
stellte sich von ganz allein, da sie bisher alles gemeinsam getan hatten. Doch sein Freund schaute ihn verdutzt an und begriff das alles garnicht.
"Was soll ich denn da draußen? Da ist's gefährlich, da laufen diese seltsamen Ander-Rinder mit den vier runden Kreisen und wer weiß was noch alles herum! Was willst du denn da, hier ist doch alles prima?!"

"...mmhhuhh, nur mal gucken, vielleicht finde ich meine Mutter oder eine nette Jung-Kuh oder besseres Gras..., auf jeden Fall geh ich, mit oder ohne dich!"

"Nein, tu das nicht! Du kommst nicht wieder. Bite bleib hier! Noch nie ist einer von uns wieder gekommen, der die Weide verlassen hat! Komm, wir spielen "Kopf-aneinanderstossen, so wie immer!"

Nöööh, ich gehe!"
Gesagt, getan. Wo ein Wille, so auch eine Lücke im Zaun. Auf einmal stand der braune Bulle auf der anderen Seite des Zaunes und... war sehr erstaunt! Alles sah von hier ganz anders aus. Er blickte auf die Weide zurück und auf all seine Freunde, die ihm besorgt und zum Teil auch neidisch nachschauten und wäre fast wieder umgekehrt - aber nein - jetzt da er draußen war, wollte er auch gern noch ein wenig herum schauen. Er nahm also die Straße unter die Hufen und lief los. An den Wegesrändern sah er Pflanzen, die es auf der Weide gar nicht gab. Davon probierte er erst einmal.
Gerade als er im Begriff war, sich über eine Fuchsienhecke herzumachen, schreckte er hoch, denn es kam eines dieser Ungetüme auf ihn zu, die er sonst immer nur hatte vorbeirollen sehen. Es rollte dann auf einmal sehr langsam als es ihm näher kam und da unser Bulle nicht wußte ob dies eine Drohgebärde sein sollte, beugte er vorsichtshalber seinen Kopf. Hörner hatte er ja, wie gesagt, keine aber sein Kopf war trotzdem ganz schön hart. Er hatte schon viele Rangelkämpfe mit seinem Freund gewonnen. Das Ander-Rind schien auch Angst zu haben, denn es wich ihm vorsichtig aus. Durch seinen Erfolg selbstsicher geworden, stolzierte er weiter die Straße herunter und fiel in einen leichten Rindergalopp, das heißt, er schmiss seine Hufe nach links und rechts und warf seinen Kopf nach hinten. Dann kamen Menschen, wie sein Bauer aber auf zwei runden Kreisen daher. Auch die schienen Angst vor ihm zu haben. Sie schrien laut und versuchten ganz schnell an ihm vorbeizukommen. Er verstand das gar nicht. Sein Bauer, die Frau und deren Kinder hatten nie Angst vor ihm. Im Gegenteil, er und seine Freunde fürchteten sich vor ihnen, wenn sie laut riefen und sie mit einem Stock auf die Weide trieben.
Nun, er stromerte noch eine Weile herum, probierte hier und da eine Pflanze die für ihn neu war und fand die Freiheit einfach herrlich! Bis er plötzlich von einem der heranrauschenden Ander-Rinder fast gestoßen worden wäre. Davon hatte er einen solchen Schrecken bekommen, daß er auf einmal nur noch ganz schnell nach Haus auf seine Weide wollte.
Doch, wo war die denn? Er hatte völlig die Orientierung verloren! Er sah eine Straße, die rechts abbog und ging die entlang. Doch es roch da alles ganz fremd und sah auch so aus. Er lief also wieder zurück, jetzt schon sehr aufgeregt und muhte verloren vor sich hin. Auf einmal hörte er seinen weißen Freund antworten. Er lief so schnell er konnte auf diesen vertrauten Laut zu. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Ander-Rinder vorbei, die sich ähnlich verhielten wie das erste und seine Verwirrung nahm immer mehr zu. Dann endlich stand er auf der anderen Seite des Zaunes, seinen Freunden gegenüber. Doch, wie wieder herein kommen? Wenn unser Bulle für ein Rind ganz schön schlau war, Tore öffnen konnte er nicht. Das Loch im Zaun konnte er auch nicht mehr finden. Er brüllte ganz furchtbar verzweifelt. Er wollte nichts anderes als endlich wieder auf seine Weide. Sein Freund, der wieße Bulle, stand mit besorgtem Blick auf der anderen Seite und ermutigte ihn.

"Gib es nicht auf! Du schaffst es schon!"

Eine Fee saß unbemerkt von dem Bullen, unter einer Fuchsienhecke, neben der Weide und sah die echte Verzweiflung des Bullen und obwohl sie sich bisher leise kichernd über die Bemühungen des Bullen amüsiert hatte, wurde ihr Herz jetzt doch angerührt. Sie entschloß sich, ihm zu helfen und vollführte mit ihrem Zauberstab eine elegante Bewegung und...siehe da...., das Gatter öffnete sich!
Der Bulle konnte seinen Augen kaum trauen! Das Hindernis war nicht mehr! Unter lautem Hurra-Gebölke seiner Freunde, schritt er durch die Öffnung. Sein Freund freute sich so sehr ihn wieder bei sich zu haben, dass er einen Luftsprung vollführte. Nun ja, so wie Rinder halt Luftsprünge machen. Unser Bulle war wirklich sehr erleichtert wieder zu Hause zu sein. Und so stießen die beiden Freunde erstmal ihre Köpfe zusammen und rangelten eine Runde, kalberten so zu sagen richtig herum.